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8. Wissenschaftliches Symposium: Baukörper des Nationalsozialismus – Zur Architektur im „Dritten Reich“

17.09.2016

Referenten: Dr. Fabian Link, Florian Dierl, Stefan Wunsch, Dr. Emanuel Hübner

Die Architektur des Nationalsozialismus sollte Wirkung auf den Betrachter entfalten, die zwischen Bewunderung, Erhebung und Einschüchterung pendelte. Sie diente zur Manifestation seiner Ideologien und Machtansprüche sowie zur Gliederung des städtischen und ländlichen Raumes. Deutlich wird das beispielsweise an erhaltenen Großbauten in Nürnberg, dem Olympia-Gelände in Berlin sowie den nicht ausgeführten Ausbauplänen für die Wewelsburg bei Paderborn. Unter dem Titel „Baukörper des Nationalsozialismus – Zur Architektur im Dritten Reich“ veranstaltete das Kreismuseum Wewelsburg in Kooperation mit dem Förderverein Kreismuseum Wewelsburg e.V. ein wissenschaftliches Symposium im Burgsaal der Wewelsburg mit dem Ziel, den heutigen Umgang mit dem architektonischen Erbe der NS-Diktatur zu thematisieren.

Monumentale Größe, kühl-lineare Gestaltung, Dauerhaftigkeit und Tradition vermittelnde Baustoffe, aber auch der Rückgriff auf historische Bautypen waren die Stilmittel der Architekten, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. In seinem Grußwort hob der stellvertretende Landrat des Kreises Paderborn, Wolfgang Weigel diese Wirkung hervor und spannte den Bogen zu den heutigen Problemen im Umgang mit solchen Baukörpern. Wie kann die heutige Gesellschaft mit diesem Erbe umgehen, wie lässt es sich kontextualisieren und aktuellen Besucherinnen und Besuchern kritisch vermitteln und schließlich: Wie stehen wir heute dem Erhalt und der Nutzung insbesondere der NS-Großbauten gegenüber?

Ausgewiesener Kenner der NS-Architektur stellten die bis heute erhaltenen NS-Großbauten auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg sowie die ehemalige Ordensburg „Vogelsang“ vor, präsentierten neue Ergebnisse zu den Bauten für die Olympiade in Berlin 1936 und thematisierten den Rückgriff auf historische Bautypen am Beispiel mittelalterlicher Burgen.

Dr. Fabian Link, wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, erläuterte in seinem Vortrag die Bedeutung von Burgen für die NS-Weltanschauung. Dies betraf nicht nur mittelalterliche Wehrbauten, sondern auch in Form von Burgen errichtete moderne Bauten. Burgen symbolisierten für NS-Ideologen vermeintlich „ewige Werte“ deutscher Kultur im Sinne eines historischen Mythos und dienten der Vermittlung weltanschaulicher Elemente an die deutsche Bevölkerung. Am Beispiel der Burgen zeigte der Referent die vielfältigen Rückgriffe der NS-Ideologie auf das „deutsche“ Mittelalter: einerseits über den Weg der Vereinnahmung von Burg- und Schlossanlagen für nationalsozialistische Zwecke, beispielsweise der Wewelsburg, und andererseits anhand des Baus neuer „Burgen“ wie etwa der SS-Junkerschule in Bad Tölz oder der NS-Ordensburg „Vogelsang“ in der Eifel. Am Beispiel der pfälzischen Burg Trifels führte Link vor, dass NS-Politiker ganze Programme zur Wiederherstellung von Burgen förderten, an denen sich auch Wissenschaftler und Denkmalpfleger beteiligten.

Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg thematisierte die zeitgenössischen Funktionen des Nürnberger Gelände- und Bauensembles. Zum einen verortete er es als Repräsentationsort des NS-Regimes, das als „Kulisse der Macht“ diente. Andererseits betonte er die architektonisch symbolisierten Ewigkeits- und Traditionsbezüge der Bauten, die den zeitgenössischen Anwesenden ritualisierte Gemeinschaftserlebnisse bieten sollten. Zugleich seien die Gebäude aber auch ein „Ort der Gewaltgeschichte“ durch den Einsatz von Zwangsarbeitern und Deportationen der jüdischen Bevölkerung Frankens. Schließlich seien auch in der Nachkriegszeit auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände „Displaced Persons“ und Flüchtlinge aus den Ostgebieten untergebracht gewesen. An dieser Stelle verwies der Referent bereits auf die Nutzungsgeschichte des Ensembles nach 1945, die die ambivalente und wechselnde Haltung gegenüber den Gebäuden in der Nachkriegszeit spiegele. Abschließend stellte Dierl die aktuelle Diskussion um Erhalt und Restaurierung des Geländes in den Mittelpunkt und diskutierte die Leitlinien eines entmystifizierenden und gesellschaftlich-demokratischen Umgangs mit dem Gelände.

Stefan Wunsch, Leiter der NS-Dokumentation Vogelsang, setzte sich mit der NS-Ordensburg Vogelsang und der dort auch architektonisch greifbaren beabsichtigten „Erziehung zum „Herrenmenschen‘“ auseinander. Er stellte dabei die Baugeschichte des Geländes sowie die geänderte Nutzung und beabsichtigte Wirkung vor. Bereits die Wahl des Bauplatzes an der damals schon touristisch beliebten Urfttalsperre habe die Nah- und Fernwirkung des im Laufe der Planungen immer monumentaler werdenden Bauensembles vorgeprägt. In der letztendlichen Nutzung der NS-Zeit als „Ordensburg“ für die Heranziehung eines aus so genannten „Junkern“ bestehenden Führungsnachwuchses spiegelt sich der bereits im Eröffnungsvortrag von Fabian Link vorgestellte Rückbezug auf historische Architekturformen. Die Kombination aus einem als Bergfried wirkenden Turm und einem angebauten langgezogenen Gebäude zitiere dabei beispielsweise das Vorbild der Wartburg mit Bergfried und Palas. Sowohl die Bauplastik als auch die Hanglage des Ensembles sollten dem weltanschaulichen und körperlichen Ziel der Bildung der Lehrgangsteilnehmer zu einer körperlich und weltanschaulichen „Elite“ dienen.

Im abschließenden Vortrag von Dr. Emanuel Hübner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster, stand das Olympiagelände von 1936 in Berlin im Mittelpunkt. Er präsentierte aktuelle Forschungsergebnisse seiner Dissertation zum olympischen Dorf in Berlin-Döberitz. Der Referent plädierte für eine differenzierte Bewertung der olympischen Spiele von Berlin. Man könne die Spiele nicht uneingeschränkt als die „Spiele Hitlers“ interpretieren, wie dies insbesondere in populärwissenschaftlichen Publikationen geschehe. Zum einen hätten die Planungen schon weit vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten begonnen. Zum anderen sei das Internationale Olympische Komitee, wie bei allen vorherigen und nachfolgenden Spielen auch, Ausrichter der Spiele gewesen und habe somit auch die Oberaufsicht gehabt. Bauhistorisch stellte Hübner das olympische Dorf in den Vordergrund, das am Vorbild des olympischen Dorfes von 1932 in Los Angeles ausgerichtet war. Er relativierte dabei den vermeintlichen „nationalen“ Einsatz des ganzen Reiches für die Spiele. Die Organisatoren, die für die Bauten von Anfang an eine Nachnutzung als Kaserne planten, hatten eine große Zahl von deutschen Städten angeschrieben, die jeweils ein nach diesen benanntes Athletenhaus auf eigene Kosten mit Bildschmuck verzieren lassen sollten. Doch nur wenige Städte seien letztlich dieser Aufforderung nachgekommen. Teile des olympischen Dorfes stehen noch heute und sind mittlerweile denkmalgeschützt.

Die Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg, Kirsten John-Stucke, moderierte die abschließende Diskussionsrunde mit den Referenten, die sich den Fragen des Publikums stellten. Diskutiert wurden insbesondere Möglichkeiten und Grenzen des Erhalts der jeweiligen Bauten und deren heutige, kritisch-dokumentarische Nachnutzung.

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