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Rechtsstaatlichkeit und Frieden müssen immer wieder neu erstritten werden

Eröffnung der Lichtinstallation "Niedergebrannt, verhaftet, verschleppt – Die jüdische Gemeinde in Salzkotten" der Gesamtschule Salzkotten noch bis zum 30. November im historischen Hexenkeller der Wewelsburg

Die sechsjährige Charlotte hält ganz fest die Hand ihres Vaters. Die Synagoge in München brennt. Die Flammen lodern, Glas zerbirst. „Warum kommt denn nicht die Feuerwehr“, fragt das kleine Mädchen den Vater. Heute ist Charlotte Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Im April 2010 kam sie als damalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland zur Eröffnung der Ausstellung „Ideologie und Terror der SS“ in die Wewelsburg. An die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert sie sich, als ob es gestern sei. Deutschlandweit brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1918 Synagogen und Bethäuser. Jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden auf die Straße gezerrt, verspottet, verprügelt, verschleppt, viele von ihnen später ermordet. Das eigentlich Unfassbare geschah mitten in deutschen Städten, auch in Salzkotten. Nicht nur die dortige Synagoge brannte. Drei jüdische Geschäfte und sechs Haushalte wurden verwüstet und geplündert. 16 Männer aus Salzkotten, bis zu dieser Nacht anerkannte Mitbürger, warf man ins Verlies der Wewelsburg, um sie am nächsten Morgen in das KZ Buchenwald zu deportieren. Wohl der Fürsprache des Wewelsburger Pfarrers Franz-Josef Tusch war es zu verdanken, dass den Verhafteten Tee und Stroh gebracht wurde, um die Kälte des Steinbodens ertragen zu können. Genau in diesem Verlies leuchten bis Ende November illuminierte Begriffe wie „gehetzt, verachtet, verfolgt, beraubt, hilflos oder auch gefangen“. Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Salzkotten haben zusammen mit Frauke Pixberg, der Wissenschaftlichen Volontärin im Kreismuseum Wewelsburg, und ihrem Lehrer Matthias Hartmann diese Lichtobjekte erstellt. Sie sollen an die furchtbaren Ereignisse in jener Nacht in Salzkotten erinnern und gleichzeitig mahnen, wie schnell durch eine Ideologie der vermeintlichen Überlegenheit und Ausgrenzung die Menschlichkeit und der Frieden in einer Gesellschaft verloren gehen können. „80 Jahre ist das jetzt her. Die rassistischen und antisemitischen Vorfälle der vergangenen Wochen und Monate zeigen, dass ein ganzes Menschenleben nicht ausreicht, um Hass und Rassismus zu überwinden“, sagte der stellvertretende Landrat des Kreises Paderborn, Vinzenz Heggen, bei der bewegenden Eröffnung. „Demokratisches Handeln und Leben, Rechtsstaatlichkeit und Frieden sind nicht selbstverständlich sondern müssen immer wieder neu erstritten werden“, betonte Heggen. Der stellvertretende Landrat dankte den Schülerinnen und Schülern für ihre künstlerische Form des Erinnerns und gab ihnen mit auf den Weg, sensibel und mit wachen Augen durchs Leben zu geben. „Setzt Euch ein für eine demokratische, friedliche Zukunft“, so Heggen.

Kirsten John-Stucke, Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg, erläuterte, dass die Auswahl des Verlieses der Wewelsburg als Inhaftierungsort von der SS bewusst ausgewählt worden war. Das Anfang des 17. Jahrhunderts von Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg im Kellergeschoss des Südostturms errichte Verlies besteht aus einem Verhörraum für das so genannte „peinliche Verhör“. Ein Raum, in dem also gefoltert wurde. Dahinter befinden sich zwei Zellen. Die Bezeichnung als „Hexenkeller“ geht auf zwei Verfahren gegen Frauen in 1631 zurück, die als „Hexen“ angeklagt worden waren. Seit der Auflösung des Hochstifts Paderborn 1802 wurden die Räume nicht mehr als Gefängnis benutzt. Erst die SS knüpfte daran an. „Waren es im 17. Jahrhundert Hexenwahn, Aberglaube und niedrige Beweggründe, die dazu führten, dass unschuldige oder am Rande der Gesellschaft stehende Frauen als „Hexen“ verfolgt und im „Hexenkeller“ angeklagt wurden, so waren es nun Juden, die aus rassistischen und ideologischen Gründen aus der sogenannten „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen, verhaftet und im Verlies verhört wurden“, so John-Stucke.

Die SS pferchte in Buchenwald über 9.000 jüdische Verhaftete in einem Sonderlager zusammen. Staatliche Behörden und die SS erpressten von ihnen die Aufgabe ihres Besitzes und die Verpflichtung, Deutschland zu verlassen. Über 250 Menschen starben in diesen 100 Tagen des Bestehens des Sonderlagers.

Die Schülerinnen und Schüler der Salzkottener Gesamtschule trugen vor, was sie für sich mitgenommen haben im Verlaufe des Projekts. „Erinnern heißt, genau hinzuhören und hinzusehen, nicht zu schweigen und sich auch einer unbequemen und geschichtlichen Wahrheit zu stellen. Diese Wahrheit hat, und dies gilt auch für Salzkotten, mit Leid, Zerstörungswut und auch Feigheit zu tun“, so ihr Fazit. Ihre Lichtinstallation ist den 16 verschleppten jüdischen Männern aus Salzkotten gewidmet.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend von René Madrid am Akkordeon. Bewegend war sein für diesen Anlass selbstkomponiertes Stück „Nicht Vergessen“.

Zu sehen ist die Lichtinstallation bis zum 30. November 2018 im historischen Hexenkeller der Wewelsburg. Der Eintritt für den Besuch des Historischen Museums (inkl. Verlies) beträgt: Erwachsene 3 €, Kinder/ermäßigt 1,50 €, Familienkarte 6 € und ist für Inhaber einer Jahreskarte kostenlos.
Die Ausstellung findet im Rahmen der Gedenkwoche „80 Jahre Reichspogromnacht“ statt.

Übergang 4

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Burgwall 19
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