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40 Jahre Gedenkstätte

Am 20. März 1982 wurde die Gedenkstätte eröffnet. Seitdem entwickelte sich die Abteilung des Kreismuseums zu einem international anerkennten Gedenk- und Bildungsort.

Von links nach rechts: Markus Moors, Leitung Forschung & Sammlung und stellv. Museumsleitung, Paderborns Landrat Christoph Rüther, Museumsleiterin Kirsten John-Stucke und Dezernent des Kreises Paderborn, Ingo Tiemann
Von links nach rechts: Markus Moors, Leitung Forschung & Sammlung und stellv. Museumsleitung, Paderborns Landrat Christoph Rüther, Museumsleiterin Kirsten John-Stucke und Dezernent des Kreises Paderborn, Ingo Tiemann

Wie wichtig die historisch-politische Bildung und die Verteidigung der Demokratie sind, können wir aus der Geschichte ablesen – und aus der gegenwärtigen Situation in Europa. Die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933 – 1945 geht diesem Bildungsauftrag im Geiste der der freiheitlich-demokratischen Grundordnung seit 40 Jahren nach. Am 20. März 1982 wurde die Gedenkstätte eröffnet. Seitdem entwickelte sich die Abteilung des Kreismuseums zu einem international anerkennten Gedenk- und Bildungsort.

Paderborns Landrat Christoph Rüther: „Der Kreis Paderborn bekennt sich weiterhin zu seiner Aufgabe, mit der Vermittlung der Geschichte der SS an diesem Ort politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Der Kreis Paderborn als Träger der Gedenkstätte übernimmt eine besondere Verantwortung zum Gedenken an die Opfer der SS-Gewalt in Wewelsburg. Gerade in dieser Zeit, die von politischen Unsicherheiten geprägt ist, brauchen wir einen klaren demokratischen Rahmen, in dem Bildungsarbeit stattfinden kann. Wir haben vor 40 Jahren einen Bildungsauftrag angenommen, den wir gewillt sind, auch weiterhin aus Überzeugung zu erfüllen.“

Kirsten John-Stucke, Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg:
„Gedenkstätten stehen heute vor neuen Herausforderungen als vor 40 Jahren. Ging es damals erst einmal darum, zu beweisen, dass die Verbrechen der SS tatsächlich stattgefunden haben, geht es heute darum, die Rolle der Gedenkstätten neu zu definieren. Begegnungen mit Zeitzeugen sind nicht mehr möglich, letzte bauliche Spuren der Lager und Verfolgungsorte müssen gesichert werden, die Digitalisierungsprozesse machen auch vor Erinnerungsorten nicht halt. Die Gedenkstätten stehen vor der großen Aufgabe, sich gegen Geschichtsklitterung zu wehren und Besucherinnen und Besucher zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein zu motivieren.“

„Wir haben viele Ideen für die Zukunft. Erst einmal steht der Ausbau der noch erhaltenen Häftlingsbaracke auf dem ehemaligen Lagergelände zum „Ge-Denk-Ort“ an. Das Gebäude konnte mit Mitteln der Europäischen Union und des Heimatministeriums des Landes NRW saniert und restauriert werden. Derzeit arbeiten wir an einer kleinen Dauerausstellung, die dort gezeigt werden soll.“

Zur Geschichte

Der einzigartige dreieckige Renaissancebau wurde Anfang des 17. Jahrhunderts als Nebenresidenz der Paderborner Fürstbischöfe errichtet. 1933 geriet das Schloss in den Fokus von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, der es pachtete und als „SS-Schule Haus Wewelsburg“ zu einer zentralen Versammlungsstätte für die Schutzstaffel (SS) ausbauen ließ. “Um genügend Arbeiter für den geplanten, gigantischen Ausbau der Schlossanlage einsetzen zu können, ließ Himmler am Ortsrand das Konzentrationslager Niederhagen/Wewelsburg einrichten. Insgesamt wurden rund 3.900 Häftlinge nach Wewelsburg deportiert. Mindestens 1.285 von ihnen starben an Hunger, Krankheit, den schweren Arbeitsbedingungen oder an den Misshandlungen durch die SS. Himmler plante, sich jährlich mit der SS-Elite auf der Wewelsburg zu treffen. Belegt ist ein Treffen im Juni 1941, eine Woche vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, mit SS-Führern, die für den späteren Völkermord im Osten verantwortlich waren. An diesem Treffen lässt sich die geplante Bedeutung der Wewelsburg als Ort der Selbstvergewisserung für die SS-Eilte und der vermeintlichen rassischen Überlegenheit besonders gut verdeutlichen. Wenige Tage vor Einmarsch der amerikanischen Truppen, die die KZ-Häftlinge am 2. April 1945 befreiten, ließ Himmler die Wewelsburg sprengen. Sie brannte bis auf die Grundmauern aus, lediglich der Nordturm blieb unversehrt.

Aufarbeitung der SS-Zeit

Die Entscheidung für die Einrichtung einer zeitgeschichtlichen Dokumentations- und Gedenkstätte war am 6. Juli 1977 nach mehrjährigen, öffentlich ausgetragenen Diskussionen um die Aufarbeitung der SS-Vergangenheit und das Erinnern an die KZ-Opfer in Wewelsburg vom Kreistag Paderborn getroffen worden. Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS“ wurde nach fünf Jahren Grundlagenforschung durch den damaligen Professor für Didaktik der Geschichte und Landesgeschichte der Universität-Gesamthochschule Paderborn, Dr. Karl Hüser, am 20. März 1982 eröffnet. Sie wurde ein Teil des Kreismuseums Wewelsburg und fand ihren Platz im Erdgeschoss des ehemaligen Wachgebäudes am Burgvorplatz.

Zusammen mit dem damaligen Ausstellungsarchitekten Heinz Micheel hatte der 1980 eingestellte Museumsleiter Wulff E. Brebeck, der das Kreismuseum bis 2011 leitete, für die Ausstellung eine Gestaltung gewählt, die Beweischarakter haben sollte. Die Tätigkeiten und Verbrechen der SS sollten durch eine Vielzahl von Quellen, Fotos und Dokumenten an der Wand belegt werden können. In dieser Zeit fanden zahlreiche Diskussionen mit der Dorfbevölkerung über Verdrängung, Gedenken und Verantwortung gegenüber der Vergangenheit statt. Seit 1992 fanden regelmäßig Überlebendentreffen und Gedenkfeiern am 2. April, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, statt. 2000 wurde schließlich ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der SS-Gewalt in Wewelsburg auf dem ehemaligen Appellplatz errichtet.

Im Jahr 2000 begann der Kreis Paderborn mit der umfassenden Neukonzeption und Erweiterung der zeitgeschichtlichen Abteilung. Die Besonderheit des historischen Ortes Wewelsburg als Ort von nationaler und internationaler Bedeutung wurde von dem damaligen Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, durch eine großzügige Förderung des Projekts aus Mitteln der Gedenkstättenförderung gewürdigt. Das Land NRW und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe beteiligten sich an den damaligen 8 Millionen Gesamtkosten der Maßnahme. Die neue, komplett überarbeitete und neukonzipierte Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ in der Erinnerungs- und Gedenkstätte „Wewelsburg 1933–1945“ wurde im April 2010 im Beisein von Überlebenden des Konzentrationslagers, zahlreichen Politikern und Vertretungen von Opferverbänden eröffnet.
Der historische Ort Wewelsburg, der zwölf Jahre lang durch das verbrecherische, überhöhte Selbstverständnis der Schutzstaffel und seiner menschenverachtenden Ideologie geprägt worden war, sollte Standort für eine Ausstellung werden, die sowohl das Wirken der SS im Dorf und auf die Dorfbevölkerung zeigt, als auch die Gesamtentwicklung der SS in all ihren Facetten: Zusätzlich zu den Verbrechen der SS auch ihre Organisationsstruktur sowie die weltanschaulichen, religions-, wissenschafts- und kulturpolitischen Vorstellungen . Gleichzeitig ist sie ein Gedenkort für die Opfer der SS-Gewalt. Besonderes Merkmal der Ausstellung ist die Präsentation von originalen Objekten sowohl aus dem Lebensumfeld der SS als auch dem Konzentrationslagerbereich. Die historische Kontextualisierung der Objekte verdeutlicht in besonderer Weise das von Gewalt und Verbrechen geprägte Menschen –und Weltbild der SS. Zahlreiche Zeitzeugenberichte von Überlebenden des Konzentrationslagers und Dorfbewohnern bilden eine eigene Erzählebene in der Ausstellung und können über Hör- und Videostationen abgerufen werden. Die unterschiedlichen Zugänge sollen verdeutlichen, dass es nicht nur die eine Geschichte gibt, sondern dass sie sich aus unterschiedlich erinnerten und erfahrbaren Narrativen zusammensetzt und sich immer wieder unterschiedliche Handlungsspielräume möglich waren.

Mythenbildung – Umgang mit historischen Gebäudeteilen aus der SS-Zeit

Die seit der Nachkriegszeit rege Mythen- und Legendbildung rund um die Bedeutung der Wewelsburg und vor allem des Nordturms während der SS-Zeit erfordert einen besonderen Umgang mit den beiden historischen Räumen im Nordturm. Rechte Verschwörungstheorien und esoterische Phantasievorstellungen bündeln sich hier zu einer unseligen Mythenkonstruktion, die das Leiden der Häftlinge außer Acht lässt.
Im Fokus der Phantasien steht dabei das im Steinfußboden des ehemaligen SS-Obergruppenführersaals eingelassene, 12-speichige Sonnenradmotiv. Es wird seit den 1990er Jahren unter dem Begriff „Schwarze Sonne“ als Erkennungs- und Heilszeichen in der rechtsesoterischen und rechtsextremen Szene genutzt. Auf dem Fußboden liegen hier bunte Sitzsäcke, die zum Hinsetzen einladen: „Chillen statt Strammstehen“! Die Besucherinnen und Besucher nehmen eine andere Haltung ein und betrachten den Raum aus einer anderen Perspektive.

Wewelsburg als außerschulischer Lernort

Die „Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933 – 1945“ versteht sich von ihrem Anspruch her als außerschulischer Lernort, der für Jugendliche und Erwachsenengruppen umfangreiche pädagogische Seminarprogramme anbietet. Neben der historisch-politischen Bildungsarbeit und Aufklärung ist auch der kommemorative Charakter der Ausstellung wichtig. Als einzige KZ-Gedenkstätte auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalens wird der Opfer des KZ Niederhagen gedacht und der Kontakt zu Überlebenden und Angehörigen von KZ-Opfern gepflegt. Die Erinnerungs- und Gedenkstätte ist Forschungsstelle für die Geschichte der SS und des Konzentrationslagers Niederhagen und der Häftlinge. Eine archivalische Sammlung, Häftlingsdatenbank, Bibliothek können von interessierten Besuchern, Studierenden und Wissenschaftlern genutzt werden. Mit seinem vielfältigen Bildungs- und Veranstaltungsprogramm stellt sich die Erinnerungs- und Gedenkstätte der Aufgabe, auf die unterschiedlichen Besuchergruppen zu reagieren, die Besucher möglichst dauerhaft an das Museum zu binden.

Gedenkstättenpädagogik - dialogisches Prinzip der Bildungsarbeit

In der Bildungsarbeit werden die Gruppenteilnehmenden darin unterstützt, eigene Fragestellungen zu entwickeln und Antworten in der Ausstellung zu finden. Ein kritisches Geschichtsbewusstsein sowie Reflexionen über die eigene Identität, das eigene soziale Handeln und die Verantwortung des Einzelnen in seinem gesellschaftlichen Umfeld gilt es zu fördern. Bei den Führungen durch die Ausstellung wird viel Wert auf das dialogische Prinzip gelegt, d.h. Fragen und Diskussionen sind unbedingt gewünscht. Die dialogische Führung wird mit einem Dorfrundgang zum ehemaligen Lagergelände verknüpft. Hier steht das Gedenken an die Opfer im Vordergrund, doch werden auch noch immer aktuelle Fragen über den Umgang mit dem Lagergelände und das Gedenken an die Opfer gestellt. Vorzugsweise werden ganz- oder mehrtägige Seminare angeboten. Bei den Studientagen folgt nach der dialogischen Führung noch eine Schwerpunktsetzung, wie z. B. SS-Biographien, Lebenswege von Opfern der SS-Gewalt, SS-Architektur oder Frauen in der SS. Ein oder mehrtägige Projekte gehen methodisch und thematisch über die Studientage hinaus. Hier werden Projekte zu den Themenbereichen Zivilcourage, Menschenrechte oder Rechtsextremismus, zum Teil auch für jüngere Schülerinnen und Schülern angeboten. Der Umgang mit originalen Exponaten oder Forschen im Offenen Archiv ermöglichen den Schülern vertiefendes, nachhaltiges Lernen an konkreten Beispielen.

Umgang mit Rolle der Wewelsburg als Anziehungspunkt für rechtsextreme Besucher

Die bedenkliche Popularität der Wewelsburg und die Verbrechen der SS verharmlosenden Rezeptionsformen sind allerdings auch eine Herausforderung, der sich das Kreismuseum ständig stellen muss.
Bei der Neukonzeption der Erinnerungs- und Gedenkstätte 2010 wurden die beiden historischen Räume im Nordturm bewusst in den allgemeinen Besucherrundgang integriert, auch wenn die SS-Herrschaftsarchitektur mitsamt ihrer Nazi-Symbolik eine besondere Anziehungskraft auf einschlägige Kreise auszuüben scheint. Mit dem Platzieren bunter Sitzsäcke auf dem Sonnenrad im „Obergruppenführersaal" und das Aufhängen der Reproduktionen des frühen Mahnmalzyklus‘ von Josef Glahé in der „Gruft" konnten jedoch jegliche Ansätze einer scheinbar „überwältigenden Aura“ in diesen Räumen verhindern. Wütende Reaktionen rechtsextremer Anhänger in rechten Internetforen, dass die vermeintlichen Kulträume „entweiht“ würden, beweisen dies immer wieder.
Auch werden in der Ausstellung die Hinterlassenschaften der SS nicht versteckt, sondern bewusst im Original präsentiert. Sie werden in ihren menschenverachtenden Zusammenhängen aufgezeigt und analysiert. Die Neugier der Besucher auf die Lebenswelten der SS wird zum Anlass genommen, über die verbrecherische Weltanschauung aufzuklären. Dabei steht der mündige Besucher im Fokus der Vermittlung. Eine mögliche Faszination der Besucher für Verbrechen und den Tod an diesem Ort, wird in der Darstellung der Geschichte nicht unterstützt. Die neutrale, dekonstruierende Präsentation der Objekte und der Geschichte ist wichtiges Prinzip sowohl in der Ausstellung als auch in der Besucherbetreuung. Zahlreiche pädagogische Bildungsprogramme schärfen die Wahrnehmung der Besucher für Symbole und Zeichen mit menschenfeindlichem Hintergrund und versuchen, Strategien aufzuzeigen, wie man solchen Gesinnungen entschlossen entgegentreten kann. Seit 10 Jahren gilt im Kreismuseum eine besondere Hausordnung. Danach sind nicht nur verfassungsfeindliche Symbole und Gesten auf dem Gelände des Kreismuseums verboten, sondern auch das Tragen und Zeigen von Symbolen, die eindeutig in die rechte Szene verweisen. Auf diese Weise kann zwar nicht das Problem des Rechtsextremismus gelöst werden, allerdings ein Zeichen gesetzt werden, dass sich das Museum unmissverständlich gegen rechtes Gedankengut und für die Würde der Opfer einsetzt.

Übergang 4

Anschrift

Kreismuseum Wewelsburg
Burgwall 19
33142 Büren-Wewelsburg
Deutschland

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Tel. 02955 7622-0
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