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Kreismuseum Wewelsburg

Burgwall 19
33142 Büren-Wewelsburg
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„So normale Menschen wie Sie und ich"

Vortrag von Professor Dr. Harald Welzer zum Thema „Die Gesellschaft der Gegenmenschen“ als Auftakt zur Veranstaltungsreihe der neuen Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg

Kreis Paderborn (krpb). Das Dritte Reich dürfte in vielerlei Hinsicht die besterforschte Epoche der deutschen Geschichte sein. Nach Ansicht von Professor Dr. Harald Welzer ist allerdings bis heute unverstanden, wie sich innerhalb kürzester Zeit eine Ausgrenzungs- und Vernichtungsgesellschaft bilden konnte, in der sich das Böse etablieren konnte, weil es gängige Praxis wurde. Niemand dürfe sich der Illusion hingeben, die Täter der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen seien allesamt Psychopathen gewesen. „Das waren normale Menschen wie Sie und ich“, erklärte Welzer den rund 250 Zuhörern im Rahmen seines Vortrages am Eröffnungstag der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. Welche verhängnisvollen Mechanismen waren am Werk? Was muss passieren, dass aus treu sorgenden Familienvätern staatliche Massenmörder werden?

Der Soziologe und Sozialpsychologe vom Essener Kulturwissenschaftlichen Institut konzentrierte sich nicht auf Einzelbiographien sondern ging vielmehr der Frage nach, wie sich innerhalb kürzester Zeit, zwischen der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und dem Beginn der Massenvernichtung im Sommer 1941, die Werte und Normen einer Gesellschaft so grundlegend wandeln konnten, dass die Täter ihr Tun gar für moralisch richtig und tugendhaft halten konnten, als besonderen Dienst an der „Volksgemeinschaft“. Der Mensch verändere sich in dem Maße, wie sich sein Handeln verändere. Er zitierte Sebastian Haffner, der so sehr darunter litt, auf die Frage zweier SS-Leute, ob er Arier sei, mit einem "Ja" geantwortet zu haben. Damit habe er das Schlimmste getan, schrieb Haffner später über sich. Der Referent erläuterte, dass Haffner sich in diesem Moment der Angst ein Attribut habe zuschreiben lasse, das er nie gewollt habe. Mit seinem "Ja" habe er zur Ausgrenzung beigetragen.

Moralische Umformatierung

Welzer sprach von einer moralischen Umformatierung, der Chance, ungestraft das Unmenschliche tun zu dürfen. Dabei zitierte er immer wieder aus Originaldokumenten. Da schreibt ein Familienvater an seine Ehefrau, dass er "bei der Massenerschießung vorgestern dabei war". Beim ersten Waggon voller Menschen habe ihm noch die Hand gezittert. Beim 10. Waggon habe er mit ruhiger Hand auf Frauen und Kinder zielen können. „Zu 95 Prozent waren diese Menschen so normal wie Sie und ich“, rief Welzer dem Publikum zu. Das wisse man aus zahlreichen Studien. Dann folgten eindringliche Sätze, beinahe stakkatoartig vorgetragen: Die Menschen mussten sich auf Gleis 17 in Berlin-Grunewald einfinden. Im schicksten Viertel der Stadt. Von dort aus starteten die Deportationen. Richtung Osten. Ausgang ungewiss bis tödlich. Viele kamen und schauten zu. Das war Alltag, wurde zur "Normalität". Systematisch seien Wohnungen ausgesucht worden, die man begehrte oder nach erfolgtem Abtransport leer räumte. „Das war nicht irgend ein abstraktes, totalitäres Regime", räumte Welzer auch mit dieser Illusion auf. Mit Verweis auf den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung stellte er heraus, dass die Tötungsvorgänge in weiten Teilen der Gesellschaft bekannt gewesen seien. Nicht zuletzt die Auswertung von Abhörprotokollen deutscher Soldaten in alliierter Kriegsgefangenschaft, die ohne ihr Wissen in großer Zahl bei ihren Gesprächen untereinander in Kriegsgefangenlagern belauscht wurden, belegten dieses allgemein vorhandene Wissen. Anhand mehrer zeitgenössischer Zitate wies er daraufhin, dass auch gerade Bevölkerungsteile und Verwaltungsebenen, die nicht unmittelbar mit der Vernichtung in Verbindung gebracht würden, sehr wohl informiert oder gar involviert waren. Stenotypistinnen von Wehrmachts- oder SS-Stellen entschieden gar mitunter, wer als Vergeltung für getötete deutsche Soldaten exekutiert werden sollte.

Ein zentraler Aspekt der NS-Forschung müsse es vor diesem Hintergrund sein, nicht mehr das monumentalisierte Grauen der Vernichtungslager ins Zentrum zu stellen. Vielmehr gelte es, das unspektakulärere, alltäglichere Bild einer Gesellschaft zu verstehen, die zunehmend moralisch umformatiere, was als gut oder schlecht, erwünscht oder verwerflich gelte und somit die Vernichtungslager erst möglich machte. Welzer mahnte zum Ende seines Vortrags in der Dorfhalle in Wewelsburg, dass vergleichbare Wertewandel keine einzigartige historische Entwicklung seien, sondern jederzeit wieder in Gang gebracht werden könnten.

Auftakt zur Vortragsreihe 2010

Der Beitrag "Die Gesellschaft der Gegenmenschen" bildete den Auftakt zur Vortragsreihe 2010 in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg. Im Verlaufe des Jahres lädt das Kreismuseum zu zahlreichen weiteren Vorträgen und Veranstaltungen ein, die verschiedene Aspekte der neuen Dauerausstellung "Ideologie und Terror der SS" näher beleuchten. Neben den „Machern“ der Ausstellung, die sich dem Publikum vorstellen und Themen ihrer Ausstellungseinheiten erläutern werden, sind einige namhafte Referenten der Einladung nach Wewelsburg gefolgt: Unter anderem wird Katrin Himmler über die Rezeption ihres Großonkels Heinrich Himmler in ihrer Familie referieren. Mit Ulrich Herbert aus Freiburg (wissenschaftliches Symposium) und Peter Longerich aus London (Einzelvortrag) werden zwei der renommiertesten NS-Forscher in Wewelsburg erwartet. Eine Vorführung des Filmes „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ mit anschließender Diskussion mit dem Regisseur Malte Ludin setzt die Vortragsreihe am Donnerstag, den 6. Mai 2010 um 19 Uhr im Burgsaal der Wewelsburg fort.


Bildunterzeile: Das Böse konnte sich deshalb etabieren, weil es gängige Praxis wurde: Professor Dr. Harald Welzer im Rahmen seines Vortrags in der Dorfhalle in Wewelsburg

     
     
     
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